Nachruf auf Prof. Dr. Karl-Werner Brand

Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Karl-Werner Brand, der am 7. Februar 2026 überraschend verstorben ist. Noch bis zuletzt war er voller Arbeitspläne und Ideen.

Mit ihm verliert die Sozialforschung einen herausragenden Umweltsoziologen, die Nachhaltigkeitsforschung einen wichtigen Impulsgeber; und wir verlieren einen langjährigen Weggefährten, Kollegen und Freund.

Karl-Werner Brand wurde 1944 in Niederaschau geboren. Von 1967 bis 1972 studierte er Soziologie und Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erwarb dort sein Diplom. 1977 promovierte er bei Kurt Sontheimer mit einer Arbeit zur politischen Theoriegeschichte.

Von 1979 bis 1985 war er akademischer Rat am Institut für Sozialwissenschaften der Technische Universität München. In dieser Zeit wurde er gemeinsam mit Dieter Rucht zu einem Mitbegründer der deutschen Forschung zu neuen sozialen Bewegungen. Seine Habilitationsschrift analysierte diese Bewegungen im historischen und internationalen Vergleich und stellte sie in Beziehung zu früheren Mobilisierungsphasen der Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Alternativbewegungen in westlichen Industrieländern.

Karl-Werner Brand war außerplanmäßiger Professor für Soziologie an der TU München. In Lehre und Forschung vertrat er Allgemeine und Politische Soziologie ebenso wie Umwelt-, Planungs-, Konsum- und Agrarsoziologie. Neben seiner Tätigkeit in München übernahm er zahlreiche Gastprofessuren, unter anderem in Darmstadt, Erlangen, Jena, Leipzig und Wien.

In den 1990er-Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Arbeiten zunehmend auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen. Gemeinsam mit Ulrich Beck gründete er 1993 die Sektion Umweltsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, deren Entwicklung er über viele Jahre als Sprecher maßgeblich prägte. Seit 2024 vergibt die Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie den Karl-Werner Brand Dissertationspreis, um innovative und herausragenden Beiträge zu würdigen.

Von zentraler Bedeutung für uns war sein Wirken in der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS). Hier baute er den Forschungsschwerpunkt „Gesellschaft, Umwelt und nachhaltige Entwicklung“ auf, den er bis Ende 2005 leitete. Unter seiner Leitung wurden zahlreiche inter- und transdisziplinäre Projekte im Rahmen der sozial-ökologischen Forschung durchgeführt. Die MPS wurde dadurch zu einem wichtigen Ort unabhängiger Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung.

Auch über seine Professur hinaus blieb er wissenschaftlich aktiv. Neben Lehrveranstaltungen und Lehraufträgen arbeitete er seit 2008 freiberuflich im Bereich der Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung. Seine späteren Arbeiten befassten sich insbesondere mit sozial- ökologischen Transformationsprozessen im Kontext globaler Krisen- und Umbruchsdynamiken.

Karl-Werner Brand gilt als Mitbegründer der deutschen Umweltsoziologie. Seine Arbeiten verbanden theoretische Tiefenschärfe mit empirischer Fundierung und gesellschaftlicher Praxisorientierung. Zu seinen prägenden Veröffentlichungen zählen unter anderem Soziologie und Natur (1998), Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie (1997), Politik der Nachhaltigkeit (2002), das gemeinsam herausgegebene Werk Die sozial-ökologische Transformation der Welt (2017) sowie sein grundlegendes Lehrbuch Umweltsoziologie (2014), das zentrale Entwicklungslinien und Erklärungsmodelle des Fachs systematisch darstellt. Bereits in den 1980er-Jahren setzte er mit Neue soziale Bewegungen in Westeuropa und den USA (1985) und, gemeinsam mit Detlev Büsser und Dieter Rucht, Aufbruch in eine andere Gesellschaft (1983) Maßstäbe in der Bewegungsforschung.

Auch in jüngerer Zeit blieb er wissenschaftlich aktiv. So analysierte er etwa in einem Beitrag von 2022 die Dynamik sozial-ökologischer Transformationen im Kontext globaler Krisen und Katastrophenentwicklungen.

Eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage des Handbuchs Die sozial-ökologische Transformation der Welt, herausgegeben gemeinsam mit Basil Bornemann, ist für Sommer 2026 (voraussichtlich August) angekündigt.

Über die Wissenschaft hinaus war er ein engagierter Netzwerker zwischen Forschung, Politik und Praxis. Seine Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Veränderungen analytisch zu durchdringen und zugleich für gesellschaftliche Debatten fruchtbar zu machen, bleibt Vorbild für viele Kolleginnen und Kollegen.

Für viele von uns war Karl-Werner Brand nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, sondern auch ein prägender Mentor und Diskussionspartner. Er verband analytische Schärfe mit intellektueller Offenheit, wissenschaftliche Strenge mit Neugier und menschlicher Zugewandtheit. Die MPS war für ihn und uns über Jahrzehnte ein zentraler Ort gemeinsamer Forschung, Debatte und kollegialer Zusammenarbeit.

Die Mitglieder der MPS sind in Gedanken bei seinen Angehörigen, Kolleg:innen und Freund:innen.

Wir werden Karl-Werner Brand als Wissenschaftler, Kollegen und Menschen in dankbarer Erinnerung behalten. Sein Werk wird die Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie weiterhin prägen – und seine Fragen und Perspektiven werden uns in unserer Arbeit begleiten.

Die Beisetzung findet am 9. März um 13:30 Uhr auf dem Münchner Westfriedhof statt.

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