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Risikokonflikte visualisiert – Erstellung und Erprobung von internetbasierten Argumentationslandkarten

Ein vom BMBF gefördertes Forschungsprojekt im Rahmen der Sozialökologischen Forschung (SÖF) im Themenbereich “Strategien im Umgang mit systemischen Risiken“.

Projekthomepage: http://www.risk-cartography.org

Abschlussbericht Risikokartierung: Download PDF (6,5 MB)


Faktische und vermutete Gefährdungslagen wie Elektrosmog, nanoskalige Materialien und BSE haben einen weiten Raum von öffentlichen und (sub-) politischen Risikodebatten geöffnet. Sie lassen unübersichtliche Arenen aus Expertisen, Gegenexpertisen und medialen Darstellungen entstehen, die für alle gesellschaftlichen Akteure durch ihre Komplexität und Dynamik immer schwerer zugänglich werden. Mit dem forschungsleitenden Stichwort “systemische Risiken” wird vor allem auf die Dynamik und Wandlungsfähigkeit dieser Risiken aufmerksam gemacht, die einen veränderten institutionellen Umgang erforderlich machen. Eine solche, stärker integrative Risikobetrachtung soll im Rahmen des Projektes durch eine Kartierung von Risikodiskursen ermöglicht werden.

Projektziel:

Angestrebt wird die Entwicklung eines Prototyps für die Darstellung von Risikokonflikten in Form von internetbasierten Argumentationslandkarten. Die Entwicklung des visualisierenden Verfahrens der Wissenserschließung und -kommunikation geschieht im Rahmen einer transdisziplinären Kooperation von Sozialwissenschaftlern, Informatikern und Praxispartnern. Die Argumentationslandkarten sollen eine neue Form des gesellschaftlichen Umgangs mit systemischen Risiken ermöglichen.

Dazu werden drei beispielhafte Risikofelder (Mobilfunkstrahlung, Nahrungsergänzungsmittel und nanoskalige Materialien) mit den jeweils beteiligten Akteuren, Stoffen und Argumenten “kartiert” bzw. durch eine internetbasierte Verknüpfung von Zusammenhängen in Text und Bild rekonstruiert.

Arbeitssschritte:

Die Wissensansprüche, Risikoverständnisse und standortbezogene Beurteilungen der unterschiedlichen, am jeweils betrachteten Risikokonflikt beteiligten Akteure sowie ihre dynamische und aufeinander bezogene Entwicklung werden mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden der Diskursanalyse analysiert und beschrieben. Sodann wird ein Softwaretool für die verknüpfende Darstellung dieser “Daten” auf internetbasierten Oberflächen entwickelt. Liegen erste Versionen von Visualisierungsformen vor, die sowohl der Komplexität der Risikokonflikte als auch den Wünschen potentieller Nutzer gerecht werden können, wird in Stakeholderworkshops die Praxistauglichkeit solcher Kartierungen im Umgang mit strategischen Risiken optimiert.

Fallstudien:

  • Elektrosmog: Mit der technischen Entwicklung von Mobilfunknetzen und deren flächendeckender Ausbreitung geht eine intensive öffentliche Debatte um mögliche gesundheitliche Auswirkungen einher. Vermutete Risiken elektromagnetischer Strahlung betreffen beispielsweise die Beeinflussung des Immunsystems, Neuronschäden oder eine erhöhte Krebsgefahr.
  • Nanoskalige Matierialen: Partikel mit sehr kleinem Durchmesser weisen oftmals neuartige Eigenschaften auf, die inzwischen in vielen Konsumprodukten und technischen Produkten genutzt werden. Aus den Erfahrungen im Umgang mit Asbest ist bekannt, daß kleine Partikel, auch wenn der Stoff sonst nicht toxisch ist, gesundheitsschädigende Wirkung haben können. Vor diesem Hintergrund gibt es eine Debatte über die Risiken von Nanomaterialien, die wächst, je mehr Konsumprodukte mit Nanoskaligen Materialien aufgerüstet werden.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Eine wachsende, für VerbraucherInnen fast unüberschaubare Anzahl an Präparaten (z.B. Vitamine, Pflanzenextrakte) sind mittlerweile im Handel. Allerdings sind viele der ihnen zugeschriebenen positiven Wirkungen wissenschaftlich nicht ausreichend nachgewiesen. Eine Überdosierung kann mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein. Die bestehenden rechtlichen Regelungen sind bisher lückenhaft, eine Zulassungspflicht besteht nicht.

Das Projekt wird im sozial-ökologischen Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung e.V. (MPS) und dem Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg (WZU) durchgeführt. Zur Entwicklung eines geeigneten Softwaretool für Risiko-Wissenskartierungen besteht eine enge Kooperation mit der Software und Consultung GmbH (SoUCon).

Zur problemorientierten Analyse der Fallstudien und zur Sicherstellung eines geeigneten Praxistransfers bestehen zum Zeitpunkt der Antragsstellung bereits Kooperationsvereinbarungen mit einigen Partnern aus der weiteren Praxis, wie dem World Environment Center (WEC), DIALOGIK, dem International Risk Governance Council (IRGC, Genf), der Münchner Rück AG (München) sowie dem Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Umwelt, Abt. Forschungskoordination und Risikoanalyse (Sitz Erlangen). Eine Erweiterung der bislang etablierten Praxiskooperationen ist erwünscht.

Schließlich ist das Forschungsvorhaben mit dem internationalen Netzwerk “Cartography of Scientific Controversies”, einer Initiative von von Prof. Bruno Latour (École des Mines, Paris) und Dr. Warren Sack (UC Berkeley), vernetzt, das in der “Galerie der Forschung” an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter Leitung von Dr. Albena Yaneva weiter etabliert wird.

Seit 2007 wird die Risikokartierung auch im EU Projekt Mapping Controversies on Science for Politics – MACOSPOL (7.FRP) benutzt.


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